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Mac war mittelgroß, senffarben
und mager. Wenn man überhaupt etwas an ihm schön nennen konnte, waren es
seine großen, braunen Augen. Er hatte gleich bei unserer ersten Begegnung,
in einer Straße, die durch die Bananenplantagen führte, von mir Besitz
ergriffen, und dagegen war nichts zu machen. So einfach ging das. Ich hatte
keine Erfahrung mit Hunden und war mächtig stolz auf die Tatsache, dass so
ein richtig wilder Straßenköter mich akzeptierte und nicht mehr von meiner
Seite wich. Es gibt Dutzende von diesen herrenlosen Hunden auf La Gomera,
und sie ernähren sich von Abfällen und der Mildtätigkeit einiger weniger
Touristen, die es auf diese felsige Karareninsel vor der Küste Marokkos
verschlägt. Von den Einheimischen werden sie geprügelt, gesteinigt und mit
Schrotflinten abgeknallt. Eine richtige Erklärung für so viel Hass konnte
man mir nicht geben, man sagte einfach, die Mistviecher würden Krankheiten
übertragen. Wenn Zuneigung eine Krankheit ist, dann hätte Mac mich
tatsächlich infiziert. Eigentlich hieß er gar nicht Mac, sein richtiger
Name war Seine Ehrenwerte Merkwürden James First Earl of Mc Gregor, aber
das ging natürlich nicht, war zu lang. Ich hatte ihn so getauft, weil er
sich irgendwie englisch-schottisch vornehm gab. Sein Auftreten war bestimmt
und selbstbewusst, aber dabei von vornehmer Zurückhaltung. Nie war er
aufdringlich, er bettelte nicht und nervte mich nicht mit krankhaften
Macken, wie unsere überzüchteten Hunde sie gerne haben. Wenn ich morgens
aus Dona Marias Pension kam, musste ich keine drei Schritte gehen, um nicht
mehr allein zu sein. Mac stand vor mir, sprang an mir hoch, wedelte mit
seinem dünnen Schwanz und biss mir zart in die Hand. Ich habe nie
herausgefunden, wo er seine Nächte verbrachte, aber es muss in meiner Nähe
gewesen sein. Ihn mitzunehmen in die Pension war ausgeschlossen, ich habe
bei Dona Maria mal vorsichtig angefragt, und sie hat ihre dicken Arme in
ihre dicken Hüften gestemmt und mich für verrückt erklärt. "Ihr
Deutschen seid alle verrückt mit den Hunden, ihr nehmt sie wie Kinder."
"Schon gut, Dona Maria, vergessen wir's." Es hätte keinen Zweck
gehabt, ihr zu erklären, dass dieser gelbe, magere Köter mein Kumpel und
Partner war, sie hätte es nicht verstanden. Irgendwie waren wir uns ja auch
ähnlich, und das muss er gefühlt haben, als er mich aussuchte. Wir waren
beide Streuner, lebten von der Pfote ins Maul und hatten nirgendwo Kredit.
Wenn er morgens neben mir hertrabte, mit seiner stillen unaufdringlichen
Erwartung in seinen großen, braunen Augen, waren wir sicher ein Pärchen,
das die Einheimischen ohne große Freude sahen. Unser erster Halt war der
Lebensmittelladen, eine kleine düstere Bude, in der es seltsamerweise nach
Pferden und dem Schweiß des alten Besitzers roch. Mac ist nie mit
reingekommen, er blieb immer an der Tür sitzen, den Blick auf die Straße
gerichtet. Ich kaufte ihm etwas Gutes und gab es ihm in einer stillen Ecke,
ich wollte die Leute nicht unnötig provozieren. Er verschlang es nicht, wie
wilde Hunde es sonst zu tun pflegen, er verspeiste es in aller Ruhe, und
ich ließ ihn mit seinem Frühstück allein. Später, auf dem Weg zum Strand,
war er wieder da, aufgetaucht wie aus dem Nichts, und trabte zufrieden vor
mir her. Wenn uns Leute begegneten, erkannte er sofort, selbst auf größere
Entfernung, ob es Insulaner oder Touristen ware. Bei Insulanern stoppte er
abrupt seinen Trab, kehrte zurück und hielt sich dicht neben mir. Er
blickte dann kurz zu mir auf, und ich sagte: "Alles okay, Alter, mach
Dir keine Sorgen." Er verstand immer, was ich ihm sagte. Am Strand lag
er neben mir, die Schnautze flach auf den gekreuzten Pfoten und blinzelte
träge in die Sonne. Mitunter fühlte ich eine Bewegung neben mir oder hörte
ein leises Knurren, und dann wusste ich, dass irgendjemand sich uns
näherte. Das duldete Mac nicht, der Platz, an dem wir lagerten, gehörte
uns, um uns herum gab es eine Art Bannmeile, in die niemand hineintreten
durfte, kein Mensch und kein Tier. Die endgültige Entscheidung hierüber lag
aber bei mir, und wenn ich entschieden hatte, dass man sich uns nähern
durfte, legte der Platzherr sich wieder in den Sand und beobachtete still
das Geschehen. Selbst bei Hunden, die uns besuchen kamen, verhielt er sich
ähnlich, er akzeptierte fast immer meine Entscheidungen, und wenn er einmal
aufbegehrte, ließ ich ihn gewähren, er hatte sicher seine Gründe, und die
waren wohl, so wie ich ihn einschätze, sicher sehr vernünftig. Und
schließlich wollte ich ja auch keinen Sklaven oder ewigen Ja-Sager zum
Partner. Sein Selbstbewusstsein verstärkte sich proportional zu dem Fett,
das er langsam ansetzte. Was nicht heißen soll, dass er fett wurde, er war
nur nicht mehr so mager, die Rippen stachen nicht mehr so durch die Haut,
und sein zerzaustes Fell wurde glatt und bekam einen sanften Glanz. Wir
waren schon ein feines Pärchen.
Eines Tages waren wir ein Trio.Ich kam morgens aus der Pension, und er
stand vor mir, sprang mich nicht an, biss mir auch nicht zart in die Hand,
stand einfach nur da, wedelte gemessen und sah mich an. In seinen Augen war
ganz deutlich eine Frage. Neben ihm bemerkte ich etwas, das wie eine
Mischung aus einem Pekinesen und einem Turnschuh aussah. Der Turnschuh
wedelte heftig mit einer Art Bürste und sah mich an. Er war schwarzweiß bis
schmutzig und reichte Mac bis an die Kniegelenke. Ich beugte mich nieder,
ließ ihn an meiner Hand schnuppern und kraulte ihn hinter den Ohren und
überall dort, wo Hunde gerne gekrault werden. Mac begann, in hohen Tönen zu
fiepen, sauste um uns herum, versuchte, mein Gesicht abzulecken, was ich
ihm streng verboten hatte, nicht ganz so zart wie gewöhnlich und wedelte,
als müsse er die Weltmeisterschaft im Wedeln gewinnen. Offensichtlich
freute er sich, und ich verstand auch sehr schnell, worüber. Er hatte einen
Kumpel mitgebracht, ihn mir vorgestellt, und ich hatte ihn akzeptiert. Oder
war der Kumpel eine Freundin, und ich sollte die Verbindung absegnen, um
den Unterhalt sicherzustellen ? Ich machte schnell und diskret die
Kontrolle. War keine Freundin. Aber für den Unterhalt musste ich trotzdem
sorgen, und das war wohl der Grund, warum Mac den Turnschuh angeschleppt
hatte. Ich, der nichts von Hunden verstand, stellte mir vor, dass die
beiden vielleicht alte Spezies seien, die sich für eine Weile getrennt
hatten, um verschiedenen Fährten zu folgen, und jetzt waren sie sich wieder
begegnet, und es war Ehrensache, dass Mac den Kleinen an seine Fleischtöpfe
führte. Vielleicht war auch alles ganz anders, aber mir gefiel die Idee.
Dass sie richtig gute Freunde waren, zeigte sich aber jeden Tag und bei
allen Gelegenheiten. Am Strand lag Turnschuh, zusammengerollt wie eine
Katze an Macs warmem Bauch und schlief, und wenn Mac jemanden anknurrte,
stand er hinter ihm und kläffte kräftig mit. Beim Fressen gab es nie
Gedränge, und wenn sie sich balgten, ließ der Große sich gutmütig in seine
ausgefransten Schlappohren zwicken. Nur bei den langen Spaziergängen die
Küste rauf und runter machte der Turnschuh nicht mit, seine kurzen Beine
und seine von Tierquälern, die sich Züchter nennen, plattgequetschten
Pekinesennase, durch die er nicht gut atmen konnte, ließen anstrengende
Ausflüge nicht zu. Er verzog sich dann in die Tiefe der Bannenplantagen, wo
er vor Steinen, Knüppeln und Schrotflinten einigermaßen sicher war, und Mac
und ich zogen los.
An einem heißen, stillen Nachmittag kamen wir in ein Dorf, und Mac, der
immer gern streunte und weite Kreise zog, wenn wir unterwegs waren, hielt
sich jetzt dicht neben mir. Er hatte die Ohren aufgestellt, und ein- oder
zweimal blieb er stehen und drehte die Nase in den Wind. Wir gingen durch
eine schmale, sandige Straße an weißgekalkten Häusern vorbei, die wie
verlassen schienen, die Bewohner hatten sich in die Kühle dunkler Zimmer
zurückgezogen, und dann bogen wir um die Ecke, und da stand er. Der Herr
der Straße. Der Herr aller Straßen in diesem Dorf. Sehr groß und sehr
schwarz und uns zugewandt. Jetzt wusste ich, warum Mac die Nase in den Wind
gedreht und sich dicht neben mir gehalten hatte. Er hatte Gefahr gerochen
und doch nicht gezögert, mit mir diesen Weg zu gehen. Gab meine Gegenwart
ihm Sicherheit oder wollte er mich schützen ? Ich wusste es nicht. Wir
blieben stehen und hörten ein Geräusch, das dem dumpfen Grollen ähnelte,
welches nahende Gewitter ankündigt. Das Geräusch kam tief aus der Kehle des
Herrn der Straßen, und seine Lefzen gaben Zähne frei, deren Anblick mich frieren
ließ auf dem heißen, schattenlosen Sand. Seine kleinen, gelben Augen waren
starr auf Mac gerichtet, und es waren Augen, denen man sich nicht entziehen
konnte. Macs Nackenhaare stellten sich auf, er duckte sich zusammen, und
sich sah das Zittern der Muskeln unter dem glatten Fell. Er knurrte
verhalten, und seine Zähne leuchteten weiß in seinem leicht geöffneten
Maul. Ich überlegte, wie wir es anstellen sollten, ohne unseren Stolz aufs
Spiel zu setzen, den Rückzug anzutreten. Hier würden wir nicht durchkommen,
das war sicher; aber sich zurückzuziehen ist auch nicht einfach. Mir fielen
die Straßenkämpfe der Schulzeit ein, und wie demütigend es war, wenn man
einem Stärkeren weichen musste und wie wunderbar, wenn man sein Herz in
beide Hände genommen hatte und ehrenvoll untergegangen war. Die Zahnlücken,
Veilchen und Schrammen trug man dann wie Auszeichnungen, und das
Selbstbewusstsein war intakt. Aber hier ging es nicht um mich, hier ging es
um Mac, meinem Hund, und ich musste ganz schnell eine Entscheidung treffen,
um ihn mit intaktem Selbstbewusstsein aus der Gefahrenzone zu bringen. Als
ich das dachte, drehte er für eine Sekunde den Kopf und blickte mich an,
und ins einen Augen die mir größer schienen als gewöhnlich, war nicht die
Angst, die ich erwartet hatte und auch kein Hilferuf. Nun mach schon,
sagten seine Augen, entscheide dich, sollen wir oder sollen wir nicht, und
als ich es sah, war da wieder der Stärkere und die Demütigung, die frühen
Jahre, das Herz in beide Hände ... und bevor ich einen klaren Gedanken
fassen konnte, sagte ich laut und scharf: "Los, Mac !" Ein gelber
Blitz bohrte sich in eine schwarze Masse, und dann war da nichts mehr, was
Gestalt hatte, nur noch ein schnelles Wischen von Schwarz und Gelb,
heiseres Keuchen und Knurren, hohe, spitze Schreie, die heftig die
nachmittägliche Stille schnitten und eine Wolke von Staub. Ich sah nicht,
wer wen verwundete, aber ich ahnte es und fühlte mein Herz schlagen. Ich
bereute sehr, Mac in diesen Kampf geschickt zu haben und mir wurde
bewusste, dass sich hier zwei Tiere zerrissen, weil ich den Kampf gewollt
und nicht, wie es richtig gewesen wäre, verhindert hatte. Ich schämte mich.
Ein großer schwarzer Hund löste sich aus der Staubwolke und jagte mit ein
paar wilden Sätzen in eine nahe Hofeinfahrt. Mac setze ihm nach, ohne Hast,
wohl nur, weil das so sein muss und zur Sache gehört. Er bellte ein
paarmal, ich hatte ihn nie bellen hören, und danach war es wieder still in
der Straße. Er sah mich an, und ich gab ihm, was ich ihm schuldig war,
kraulte ihn ausgiebig und klopfte ihm die Flanken. "Gut gemacht"
sagte ich ihne viel Stimme, "vielleicht kann ich mich mal
revanchieren." Er leckte sich ein paar Blutstropfen von der Schnauze.
"Herr der Straßen" fügte ich leise hinzu. Ich kaufte ihm dann
sehr schnell einen soliden Knochen, an dem ein halber Ochse hing, und er
nahm ihn, als hätte er nie etwas anderes getan, als Knochen mit halben
Ochsen dran zu verdrücken.
An seinem Verhalten mir gegenüber änderte sich nichts nach dieser
Geschichte, nur erlaubte er sich jetzt, mich mitunter in die Kneipen zu
begleiten, obwohl er genau wusste, dass die Kneipen auf dieser Insel keine
guten Plätze für Hunde waren. Hier teilten rüde Wirte oder besoffene
Bananenpfücker gern mal Fußtritte aus und jagten die Hunde zum Teufel.
An einem Nachmittag, der zum Baden zu kühl war, saß ich auf der Terrasse
vor meiner Stammkneipe, trank Bier und beobachtete das Meer. Mac und
Turnschuh lagen neben meinem Stuhl, der Kleine wie immer gegen Macs Bauch
gerollt, und dösten friedlich vor sich hin. Alles war freidlich gewesen an
diesem Tag, keine Kämpfe, keine wilden Jagden nach Katzen oder
irgendwelchen Viechern im Unterholz, keine Insulaner, die bedrohlich genug
aufgetreten waren, um die Hunde zu beunruhigen. Nichts hatte uns
herausgefordert, und nichts hatte uns richtig wachgemacht, und darum hörten
wir das Geräusch hinter uns zu spät. Etwas klatschte hart auf Macs Rücken,
er jaupte auf und katapultierte sich mit ein paar wilden Sätzen von der
Terrasse auf den gegenüberliegenden Strand. Turnschuh huschte hinterher,
wie von Mac an einer Leine gezogen, überschlug sich einmal und landete mit
einem Salto auf dem glatten, harten Sand. Ich drehte mich um. Hinter mir
stand die Schwiegermutter des besitzers, eine hagere alte Frau in Schwarz,
mit weißem Gesicht und schwarzen, heißen Augen. Sie hielt einen Reisigbesen
in den knochigen Händen. Ich starrte sie an, vollkommen überrascht,
wahrscheinlich mit offenem Mund, und unfähig, etwas zu sagen. Sie schie auf
mich ein, in einem Dialekt, den ich nicht verstand, fuchtelte mit dem Besen
herum und deutete auf die Hunde, die, eng beieinander, auf dem Strand
verharrten und uns beobachteten. Zorn kam in mir auf, zu langsam, wie
meistens. Dieser alte Totenvogel hatte meinem Mac ganz hinterhältig einen
Reisigbesen ins Kreuz gedrochen. Ich sollte ihr den verdammten Besen aus
der Hand reißen und sie damit niederschlagen. Aber das ging nicht, man
schlägt keine alten Frauen nieder. Aber ich muss aufstehen und ihr Bescheid
geben, lauter schreien als sie, sie niederbrüllen, meine Hunde verteidigen,
ihr sagen, was ich von ihr halte. Aber man brüllt alte Frauen im Süden
nicht nieder, alte Frauen sind hier Respektpersonen, und man begegnet ihne
höflich und mir Zurückhaltung. Ich hätte darauf pfeifen sollen, Höflichkeit
hin, Höflichkeit her, aber ich bin so ein alter Trottel, der die Regeln der
Länder, die er bereist, immer respektiert. Und so saß ich da, hilflos in
meinem Zorn und versuchte, die Alte zu beschwichtigen, sagte ihr, laut,
aber nicht laut genug, dass Tiere auch eine Seele hätten und ähnliches
Zeug. Anstatt aufzustehen und ihr zu zeigen, wer ich bin. Es wäre eine
Lehre gewesen, und ihr Schwiegersohn, der Besitzer, der sie fürchtete,
hätte es sicher genossen. Sie schie weiter auf mich ein, und irgendwann
wandte sie sich ab und verließ fluchend die Terrasse. Ich starrte ihr nach,
zornig, hilflos und mir war klar, dass ich mich wie ein Feigling verhalten
hatte. Ich hatte meine Hunde nicht verteidigt. Ich erhob mich langsam, wie
zögernd, mein schlechtes Gewissen und die Demütigung drückten mich nieder,
und ging meinen Hunden entgegen. "Mac", sagte ich leise,
"bist du verletzt ?" und streckte meine Hand nach ihm aus. Er sah
mich an, ganz ohne Ausdruck, und wich langsam vor mir zurück.
"Mac", sagte ich noch einmal. Er wandte sich ab und lief ohne
Hast, mit Turnschuh an seiner Seite, über den Strand. Sie kreuzten die
Straße und verschwanden in den Bananenplantagen. (von Hans Herbst)
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