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Geschichten Gedichte |
Harro,
der Schäferhundmischling, war so etwa zwölf bis sechzehn Jahre alt. Genau
wußte das niemand. Der Hund, dessen Fell inzwischen schon stumpf und glanzlos
war, gehörte seit langer Zeit zum festen Inventar des großen Bauernhofes.
Zuverlässig, wie Hunde sind, hat er über Jahre hinweg seinen Wachdienst verrichtet.
Lob und Liebe hat er dafür nur im geringen Maße erhalten, eine besondere
Verbindung Mensch Tier hatte sich nicht entwickelt. Dies ist nicht
erstaunlich, da man früher auf dem Lande die Tiere in erster Linie nach ihrem
Nutzwert beurteilte. Wirklich innige Tierliebe entstand nur selten.
Selbstverständlich, der Hund hatte seinen Nutzwert. Als
pflichtbewußter Wachhund hatte er einen anerkannten Stellenwert. Er durfte
schon mal mit hinaus zum Feld, wenn der Bauer seine Kontrollgänge machte. Das
war eine große Anerkennung für den Hund. Spielen, oder Streicheln waren für
Harro jedoch rare Seltenheit. Der Hund war meist sich selbst überlassen. Er
hatte eine feste Hütte, regelmäßiges Fressen und freien Auslauf, wenn das
mauerumrandete Gehöft am Abend verschlossen wurde. Tagsüber war seine
Bewegungsfreiheit durch eine lange Metallkette eingeschränkt. Das war
notwendig, denn Harro duldete keine Fremden, die sich innerhalb der Grenzen
des Bauernhofes aufhielten. Mit scharfem Gebell meldete er am Tage die Besucher
an und wenn nachts ungebetene Gäste versuchten Haus oder Hof zu betreten, so
gab es für sie keine Chance gegen die Wachsamkeit von Harro. Auch heute noch
ist es so, obwohl Harro längst nicht mehr stark und gelenkig ist, wie in
seinen frühen Hundejahren. Doch Pflichtgefühl und Kampfbereitschaft
dominieren immer noch, wenn sich unbekannte Bewegungen im Hofgeviert ergeben.
Da spürt Harro nicht den Rheumaschmerz, der seine Knochen an kühlen Tagen
durchzieht. Da überwindet er das Hinken des rechten Hinterlaufes, den er sich
vor Jahren in einer landwirtschaftlichen Maschine eingezwängt hat. Sein
Bellen erscheint heute nicht mehr so scharf wie früher, doch in
Gefahrenmomenten, wenn er giftig knurrt und dabei seine grau gewordene
Schnauze vor Aufregung zittert, muß sich auch heute noch jeder, gleich ob
Tier oder Mensch, vor Harro, dem alten Wächter des Hofes fürchten. Doch was
wird sein, wenn er noch schwächer, sein Gebiß kraftlos und sein Gehör noch
weniger aufnahmefähig wird? Er wird ersetzt werden durch einen jungen,
kraftstrotzenden Wachhund und seine Dienste, die man als selbstverständlich
hinnahm, werden rasch vergessen sein. Vielleicht
hat er, der Hund, Glück und er erhält sein Gnadenbrot. Obwohl, Dankbarkeit
ist nicht das, was Darm in seinem Hundeleben erfahren hat. Die Menschen gaben
ihm das Notwendigste, mehr jedoch nicht. An großen Feiertagen, wie auch jetzt
zum Weihnachtsfest, da gab es für Harro schon mal eine extra Portion, einen
saftigen Knochen oder gar eine Hundewurst. Doch niemals durfte er das Haus
betreten, geschweige denn gar am wärmenden Kachelofen liegen. Gerade das
hätte seinen müden, rheumageplagten Gelenken doch so gut getan. Auch
heute war es wieder ein klirrend kalter Wintertag. Der eisige Wind ließ sich
auch nicht von den stabilen Brettern von Harms Hundehütte abhalten. Obwohl er
sich eng zusammengerollt hatte konnte sich der Hund nicht erwärmen. Er stand
auf, er mußte sich bewegen, denn der Schmerz des Rheumas und der
Abnutzungserscheinungen war heute besonders unerträglich. Wehmütig blickte er
hinüber zum Haus, aus dessen Fenstern behagliche Wärme blinkte. Harro spürte
es, dieser Abend war anders, nicht vergleichbar mit den sonstigen Tagen.
Seltsame, friedvolle Stimmung lag nicht nur über dem Bauernhof, sondern
strahlte über die gesamte Ortschaft. Kein Motorenlärm, kein Wirtshausgeplärr
störte die geruhsame Stille. Harro, der mit den Jahren sensibler geworden
war, der kleinste Schwingungen und Stimmungen intensiv in sich aufnahm,
fühlte etwas von der Liebe und Behaglichkeit, die heute Nacht das Dorf umgab.
Diese Stimmung veranlaßte Harro etwas zu tun, was er in seinem gesamten
Hundeleben noch nie getan hatte. Harro verließ zum ersten Male seinen
Wachposten. Instinktiv spürte er, daß heute keinerlei Gefahren lauerten.
Durch eine Nische im Bretterzaun des Gartens zwängte er sich hinaus und lief
quer über das beackerte, schneebedeckte Feld, hinüber zum Dorfrand. Er hinkte
wieder ein wenig, als er die kleine Nebenstraße erreichte. Es war für ihn wie
ein innerer Zwang, er mußte laufen. Warum
gerade heute, warum ausgerechnet in diese Richtung? War es Eingebung, die den
alten Hofhund hinaustrieb, dorthin wo die einfachen Häuser standen? Leise,
klingende Geräusche drangen aus den Inneren, der wie geduckt dastehenden
Bauten. Der auf den Dächern lastende Schnee ließ die Behausungen noch
bescheidener wirken, als sie es ohnehin waren. Hier war die Siedlung der “Austragler‘, Arbeitskräfte die Jahrzehnte
bei den Bauern ihre Arbeit verrichtet hatten, durften hier ihren Lebensabend
verbringen. Für Gelegenheitsarbeiten und kleinere Botengänge wurden sie ab
und zu noch herangezogen. Es waren einfache Hütten, mit kleinen Zimmern, die
sich die Alten manchmal auch noch teilen mußten, wo die Betagten sich auf
ihre letzten Lebensjahre vorbereiteten und wo sie an warmen Tagen, auf den
Bänken, die vor den Häusern standen, in Erinnerungen schwelgten. Sie dachten
zurück an eine haue Zeit, die den Alten heute jedoch, mit dem Schliff der
Vergangenheit, als gut und menschlich erschien. Viele
von ihnen hatten sich zum Weihnachtsfest zusammengetan, denn wer möchte am
Weihnachtstag schon allein sein. Es waren nur alte Menschen, die diese
Siedlung bewohnten und bei so manchem war der Partner schon vorausgegangen,
dorthin, woher wir kommen und wohin wir nach unserem Erdenleben zurückkehren.
Anton, der alte Knecht, der sein Lebtag auf dem Hofe von Harro's Herrn
gearbeitet hatte, war nicht am gemeinsamen Weihnachtsabend der Alten
beteiligt. Er wollte an diesem Tage allein sein und er fühlte sich dabei
nicht einsam. Erinnerungen an Menschen und auch an Tiere, die ihm zugetan
waren, verschönerten Anton diesen Feiertag, ließen nochmals auferstehen die
Stunden der Gemeinsamkeiten. War
es Zufall, war es Bestimmung, die Anton vor das Haus treten ließ, um den
weihnachtlichen Himmel zu genießen, die prunkvollen Gestirne zu bestaunen und
dabei an die Unendlichkeit, die für uns Menschen ungreifbar ist, von Zeit und
Raum zu denken? Wie auch immer, Antons Besinnen wurde durch ein leises “Wuff‘ gestört. Er kannte diesen
Laut, das mußte Harro sein, dessen Gestalt, angestrahlt durch Mond und
Sterne, sich vom weißen, schneebedeckten Boden abhob. Ein leiser Pfiff, ein
kaum merkliches Wedeln der Rute und Harro hinkte auf Anton zu. Der Hund
wirkte unendlich traurig, der Lauf durch den Schnee hatte ihn ermüdet. Nichts
war mehr da, von der Frische und Kraft, die Harro stets ausgezeichnet hatte.
Hier war eine Kreatur, die Hilfe suchend um Nestwärme nachsuchte. Wie
selbstverständlich folgte Harro dem Alten ins Haus, etwas das gestern noch
unvorstellbar gewesen wäre. Vielleicht
war es der Zauber der Weihnachtsnacht, der Mensch und Tier, beide alt und
ausgelaugt, zusammenbrachte. Für beide war es eine Art von erfülltem
Weihnachtstraum. Ein Verteilen an Geschenken, das keinerlei Gegenleistung
erwartete. Harro, dem Anton vom sowieso kärglichen Festtagsmahl Fleisch
angeboten hatte fraß nicht viel. Den Hund zog es nur zum holzbeheizten,
eisernen Ofen. Ein wenig mißtrauisch schielte er noch zu Anton, als er sich
davor legte. Er zitterte immer noch, denn der eisige Frost hatte sich in
Körper und Fell festgeklammert. Eine alte Decke, die Anton über den Hund
legte, beruhigte Harro. Das war das, wonach er sich seit Jahren sehnte, wenn
der Schmerz wieder einmal durch seinen Körper kroch. Es schien so, als ob der
Hund zufrieden vor sich hinbrummelte, als er bald darauf ermattet einschlief.
Nach Stunden erschöpften Schlafes, schreckte Harro hoch. Wo war er? Es zog
ihn hinaus zur Tür, er mußte zurück zum Hof um seine Pflicht zu erfüllen. Es
fiel ihm schwer, denn immer noch fühlte er sich schwach. Mit festem Griff und doch mit
liebevoller Behutsamkeit zog Anton das Tier zurück zur Decke. Ruhig sprach er
auf Harro ein, er soll hierbleiben, sich weiter ausruhen. Er, Anton, würde
ihren ehemals gemeinsamen Herrn aufsuchen und bitten, Harro ihm zu
überlassen. Der alte Hofhund, dessen Leistungsfähigkeit ausgeschöpft war,
schien die Worte des alten Menschen zu verstehen. Als ob es nie anders
gewesen wäre, folgte er der Stimme seines neuen Herren. Doch Anton, der
Harro, mit Hilfe der Weihnachtsstimmung, tatsächlich von seinem Bauern
zugesprochen bekam, war niemals ein Herr für den alten Hofhund. Er war stets
Harro's Freund, manchmal bestimmend, manchmal nachgebend, so wie echte
Freundschaften eben sind. Harro dankte es auf Hundeart. Auch Antons Tage
wurden dadurch schöner. Der Tierfreund wird das bestimmt verstehen. (von
Friedrich Schindler) |